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Wenn ich jedes mal nach dem Sex fragen muss ob ich eh gut war, dann war ich es wahrscheinlich nicht. Genauso verhält es sich mit dem Schaffen von Content jeglicher Art und ganz besonders mit dessen Verbreitung auf Instagram und Co.

Es ist nämlich so: Instagram finde ich in letzter Zeit ziemlich mies. In Wahrheit empfinde ich schon seit einiger Zeit so, nur hat es lange gedauert, bis ich das Problem eindeutig definieren konnte.

Als jemand, der im Bereich digitale Kommunikation tätig ist, nervt mich der unnötige Hype rund um die Plattform. Es nervt mich, dass kleine Jungs und Mädls von vermeintlich ernstzunehmenden Kommunikationsprofis abgefeiert werden, obwohl ihr Einfluss den einer aufgeschnittenen Avocado in der Regel nicht übersteigt.

Es nervt mich, dass der „social“-Aspekt, der die Netzwerke erst groß gemacht hat, gefühlt keinerlei Relevanz mehr besitzt. Es nervt mich, dass alle — ob Personen oder Organisationen jeglicher Art — wie Lemminge dem Meer an Likes entgegenlaufen obwohl deren Wert nicht nur nicht nachvollziehbar sondern oft schlicht nicht existent ist. Ganz egal wie viele Kommentare oder Herzerl an einem Foto dran hängen.

Und zuletzt nervt mich, dass Menschen zu reinem Klickvieh geworden sind, die ganz besonders auf Instagram jegliche Aktion mit der Frage im Hinterkopf setzen, wie sie dadurch mehr Beachtung bekommen können.

Ich will an dieser Stelle nicht darauf eingehen, was ich tatsächlich davon halte, dass man um die eigene Wichtigkeit hervorzustreichen alles erdenkliche daran setzt die eigene Reichweite zu erhöhen. Es gibt andere, die darüber schon geschrieben haben.

Und über die grenzenlose Ignoranz meiner Marketing-Kollegen will ich mich erst gar nicht auslassen, weil der vermeintliche Mehrwert ihrer Arbeit mit sogenannten Influencern — vulgo Influencer Marketing — ausschließlich an der Zahl und Intensität ihrer leeren Versprechungen und nicht etwa an Ergebnissen gemessen werden kann.

Sie alle sind Teil desselben Systems, das nach Aufmerksamkeit strebt, jedoch keine echte Aufmerksamkeit (und auch keinen Mehrwert) schafft.

ICH und DIE ANDEREN

Als Fotograf beobachte ich Instagram mit einer Mischung aus Faszination, Abscheu und unaufhörlichem Kopfschütteln. Denn, was einst als ein Tool geboren wurde um einen Einblick in das eigene Leben und Schaffen zu ermöglichen, ist zu einem Netzwerk an Selbstdarstellern geworden, das kein echtes Interesse an seiner Umwelt hat.

Gleichzeitig lassen die geteilten Bilder großteils jegliche Relevanz, Inspiration, Originalität oder Qualität vermissen. Man macht das, was man glaubt, dass ankommt und nicht mehr das, was einen bewegt.

In einem solchen Setting zählt nur noch das ICH, während DIE ANDEREN so lange und hartnäckig ignoriert werden bis sie zu einer spiegelnden Oberfläche verkommen sind, in der man sich, wenn man sie anschaut, nur noch selbst sieht.

Den eigenen Erfolg misst man dann an der vermeintlichen Menge an digitaler Zuwendung die einem entgegen schwappt und meint deshalb man sei wichtig. Freilich gänzlich entgegengesetzt zur Realität, in der nicht jeder, der etwas von sich gibt, auch tatsächlich etwas zu sagen hat.

Und, wie war ich?

Über die Jahre bin ich zu der Einsicht gelangt, dass das Schaffen von relevanten Inhalten — ganz egal welcher Art — auf langfristige Sicht nicht funktionieren kann, wenn man sich ausschließlich mit dem eigenen Umfeld beschäftigt. So lange der primäre Blick nur den anderen gilt, ist man selbst nicht in der Lage ETWAS NEUES zu schaffen sondern nur IMMER WIEDER ALTES zu reproduzieren.

So sehr ich als Dienstleister auf Rückmeldungen von Außerhalb angewiesen bin, so sehr muss ich mich davon abschirmen, wenn ich in meiner Arbeit besser werden will. Da bei der Jagd nach virtuellen Schulterklopfern tatsächlich nur Likes und Kommentare im Fokus stehen und nicht etwa die eigenen Inhalte und Produkte (im weitesten Sinn) stellen sie auch kein geeignetes Mittel dar um mich tatsächlich voran zu bringen.

Wenn ich meinen Erfolg in die Hände anderer Menschen lege — und hier will ich (mal wieder) nicht darauf eingehen, wie Millionen von Likes auf Instagram zustande kommen — dann bin ich von ihnen abhängig und verhalte mich wie ein Grashalm im Wind, der sich mal in die eine und mal in die andere Richtung dreht.

Die Herausforderung an dieser Stelle ist freilich die, dass mich ernsthaft für meine Umwelt interessieren und mich mit ihr auseinander setzen muss um mich selbst darin zu finden und in der Folge Neues schaffen zu können. Ein schmaler Grat, zugegeben.

Keep it real!

Ich weiß wie schwierig ein Schaffensprozess ist. Ich weiß, wie lange es dauert bis man ein Handwerk auch nur halbwegs zu meistern gelernt hat. Und ich verurteile auch keinen, der den Weg nach draussen sucht um sein Werk mit der Welt zu teilen um Stück für Stück die eigenen Grenzen zu ertasten und mir jedem Tag besser zu werden.

Ganz im Gegenteil. Denn wäre die Welt nicht voll von Amateuren, voll von Menschen, die lieben was sie tun (ohne dafür bezahlt zu werden) und dies mit uns teilen, wäre es eine trostlose Welt. Doch wenn es irgendwann nur noch darum geht immer mehr Likes zu sammeln, dann sollten wir uns die tägliche Bilderflut ersparen.

Ich für meinen Teil versuche schon seit einiger Zeit diesen schlechten Einfluss zu minimieren und mich auf mein Handwerk zu konzentrieren. Ich war noch nie der große Schreihals, der sich selbst und jede Stunde des eigenen Lebens für so wichtig genommen hat, dass er sie unbedingt in die Welt hinaus schreien musste um sich in der Folge mit allem und jedem zu vergleichen. Deshalb fällt es mir zumeist auch leicht diese Jagd nach externer Zuwendung zu ignorieren.

Und wenn ich mal doch wieder abdrifte, so versuche ich mich auf die vielen Menschen zu konzentrieren, die wahnsinnig geiles Zeug produzieren und den Einheitsbrei, den es an jeder Ecke gibt, hinter sich lassen. Damit werde ich zwar nicht automatisch besser in dem was ich tue. Es holt mich aber aus dem Meer an Mittelmäßigkeit raus und gibt mir einen Hinweis darauf, was für mich wirklich relevant sein könnte.

 

 

Update: Ich habe vor einiger Zeit zum Thema „Majority Illusion“ – 
Können Wenige die Massen beeinflussen?“ meine Magisterarbeit geschrieben. Diese beschäftigt sich nicht exklusiv mit dem Thema Instagram, beleuchtet aber den Hintergrund, der mich zu meinem heutigen Beitrag bringt.

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